25.09.2009 - Grundlagen

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„Kirche mittendrin“
Kriterien zum Aufbau von Gemeinwesendiakonie-Projekten

1. „Suchet der Stadt Bestes! “ (Jer 29,7)
Die evangelische Kirche und ihre Diakonie folgen dem biblischen Auftrag und suchen gemeinsam der Stadt Bestes. In Treue zur Schöpfung Gottes schauen sie auf die Lebensverhältnisse vor Ort; in der Hoffnung auf eine neue Welt ohne Ausgrenzung und Zerstörung arbeiten sie mit anderen zusammen.

2. Verantwortung für den Stadtteil
Kirche und Diakonie sind Teil des Gemeinwesens und (mit) verantwortlich für das Wohlergehen der Menschen im Stadtteil. Gemeinwesendiakonie will Verantwortung im Quartier und für das Quartier übernehmen. Ziel ist die Erfahrung gelingender Gemeinschaft und lebendiger Gemeinden, die Bildung von sozialem Kapital im Stadtteil und die Erhöhung von Lebensqualität für alle Bewohnerinnen und Bewohner.

3. Strategische Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie
Gemeinwesendiakonie vernetzt die Vielfalt der „protestantischen Familie“: Kirchengemeindliches Engagement, evangelische Einrichtungen, diakonische Dienste und kirchliche Werke am Ort gehören zusammen. So werden Kindertageseinrichtungen und Beratungsstellen zum Familienzentrum. Mehrgenerationenhäuser arbeiten mit Pflegediensten und Besuchsdiensten zusammen. Verfasste Kirche und organisierte Diakonie initiieren und gestalten gemeinsam sozialräumliche Entwicklungspartnerschaften.
Dabei ist Gemeinwesendiakonie ökumenisch orientiert und lebt von Kooperationen mit weiteren Akteuren im Quartier.

4. Geerdet im Alltag – Zugänge eröffnen, nicht nur Dienstleistungen anbieten
Ausgangspunkt, Weg und Ziel ist immer der Alltag der Menschen im Quartier. Deren Bedarfe und Bedürfnisse, ihre alltäglichen Anliegen, Wünsche und Hoffnungen müssen wahrgenommen und ernst genommen werden. Denn die gesellschaftlichen Prozesse von Vereinzelung und Benachteiligung, Segregation und Exklusion manifestieren sich in den Wohnvierteln. Die Erfahrung zeigt aber auch: Das Quartier hält ungeahnte Ressourcen bereit. Gemeinwesendiakonie will deshalb nicht nur Dienstleistungen wie Familienzentren oder Stadtteilcafés anbieten oder wie in der Quartierspflege Versorgungsstrukturen optimieren, sondern neue Zugänge eröffnen, Ressourcen entdecken und Menschen ermutigen.

5. Kirche und Diakonie als Akteur unter anderen Akteuren- Kooperation und Profil
Je nach Situation, nach Ressourcen und Begabungen, nach Kräften und gesellschaftlichen Möglichkeiten können Kirche und Diakonie verschiedene Rollen einnehmen. Um es mit dem Bild einer Filmproduktion zu sagen: Sie können Produzent, Regisseur, Haupt- oder Nebendarsteller, manchmal vielleicht auch nur Komparse sein. Wichtig ist, dass sie in ihrer Motivation und ihrem Profil erkennbar bleiben.

6. Identifikation mit Kirche und Diakonie: von der Leuchtkraft des Evangeliums
Gemeinwesendiakonisches Engagement stärkt die Identifikation der Menschen mit Kirche und Diakonie und mit ihrem Quartier. Kristallisationsorte sind oft Kirchengebäude als Symbole des Stadtteils. Menschen erleben das kirchlich-diakonische Engagement beruflich und ehrenamtlich Mitarbeitender, sie machen neue Erfahrungen von Nachbarschaft, Gemeinschaft und Verlässlichkeit, sie entdecken dabei die Kraft des Evangeliums, die Menschen zur Mitte führt, trägt und bewegt.

7. Fremde Heimat Kirche: Beheimatung wächst aus Begegnung
Gemeinwesendiakonie wird durch die Begegnung mit dem Fremden herausgefordert: durch nicht-bürgerliche Milieus, andere Konfessionen und Religionen, fremde Kulturen und Sprachen. In dieser Auseinandersetzung kann sich eigene Identität klären und entwickeln. Aus Begegnung wächst Beheimatung, aus Befremdung neue Vergewisserung und oft auch eine neue Verwurzelung im Glauben.

8. Kompetenz und Präsenz: freiwillige und berufliche Mitarbeit
Selbstorganisation, Beteiligung, Empowerment, Vernetzung und Nachhaltigkeit müssen gewollt und gefördert werden. Dazu braucht es Menschen mit Kompetenz und Präsenz. Das ehrenamtliche Engagement schlägt eine Brücke in die Gesellschaft, die beruflichen Mitarbeitenden sorgen für Kontinuität und Professionalität. Alle Beteiligten im Team lernen voneinander und brauchen kontinuierliche Förderung. Die Begleitung und Fortbildung der Ehrenamtlichen und die Weiterbildung der Hauptamtlichen gehören zum Standard von Projekten der Gemeinwesendiakonie.

9. Vom Projektstatus zur Nachhaltigkeit: Strukturen und Finanzierung
Gemeinwesendiakonie braucht langen Atem und gelingt langfristig nur mit einer soliden finanziellen Basis. Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Landeskirchen und diakonische Einrichtungen sind herausgefordert, verlässliche Finanzierungen und robuste Trägerstrukturen zu entwickeln. Projektfinanzierungen können einen Einstieg ermöglichen.

10. Balance halten und Versuchungen widerstehen: Aktion und Kontemplation
Gemeinwesendiakonie will Mitglieder-, Klienten- und Stadtteilorientierung in Balance bringen. Sie widersteht der Versuchung, sich in binnenkirchlichen Milieus einzurichten oder die eigene Arbeit vorschnell diakonisch zu institutionalisieren und achtet darauf, sich durch geschäftiges Treiben nicht selbst zu verausgaben. Damit das gelingt, brauchen Teams und Projekte Räume und Zeiten zum Innehalten und zur Vergewisserung, zu Bibelarbeit und Gebet.

11. Den Glauben leben und zur Sprache bringen
Gemeinwesendiakonie lebt aus dem Zusammenhang von Gottesdienst und Alltag, von Aktion und Kontemplation. Aktuelle Herausforderungen korrespondieren mit dem biblischen Auftrag. Unterschiedliche Kulturen, Sprachen, Lebenseinstellungen kommen in den Dialog. Der christliche Glaube, der im Handeln lebendig ist, kann und soll im Alltag zur Sprache finden. Gemeinwesendiakonie ist Sprachschule des Glaubens. Darin liegt eine besondere Herausforderung für berufliche und ehrenamtlich Mitarbeitende.

12. Wachsen aus Dynamik: Kirche in der Kraft des Geistes
Der Glaube an den Gott, der aus schwierigen Lebenssituationen führt, ermöglicht Aufbrüche auch ins Ungewisse. Der Glaube an Jesus Christus, der alle Menschen an seinen Tisch lädt, ermöglicht die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Partnern im Gemeinwesen. Auch in unerwarteten Begegnungen wird die lebendige Wirkung des Heiligen Geistes überraschend erfahrbar. Wo Kirche diakonisch handelt entsteht Gemeinschaft mit anderen Partnern und in der Nachbarschaft des Quartiers. In dieser Dynamik wächst „Kirche mittendrin“.